Geschichte
Venezianische Masken und ihre Geschichte PDF Drucken E-Mail

Hier würde ich Euch / Ihnen gern einen kurzen Überblick über die Geschichte des Venezianischen Karnevals geben.

Ich erhebe nicht den Anspruch genau und wissenschaftlich bewiesen die “historische Wahrheit” zu kennen. Denn ich bin schließlich keine Historikerin und die verschiedenen Quellen sind sich oft gar nicht einig in Bezug auf Jahreszahlen. Es ist die Geschichte des Karnevals, so wie ich sie am plausibelsten recherchieren konnte und heutzutage selbst erlebe. Wenn jemand präzisere Quellen hat, bitte her damit, ich freue mich über jede qualifizierte Verbesserung.

Ursprünge:

Der “Carnevale di Venezia”  wurde 1094 in einem Papier des Dogen Vitale Falier erstmals erwähnt. Zu dieser Zeit paradierten junge Männer durch die Stadt, verkleidet in Tierfellen. Sie sangen über die Schönheit der venezianischen Frauen und das gute Essen in der Stadt.
In den folgenden 200 Jahren wurde das Spiel des “Eierwerfens” (Männer warfen mit Parfum gefüllte Eier nach Frauen) populär. Es wurde jedoch 1268 verboten. Ab ca. 1162 wurde der “Martedi grasso”, der “fette Dienstag” gefeiert, was zurück ging auf den Sieg des Dogen Vitale Michiel II., dem Patriarchen von Aquileia. Nach dem Sieg musste der Patriarch einen Ochsen und 12 Schweine der Stadt von Venedig schenken. Die Tiere wurden in späteren Jahren an die Armen verteilt. Bis 1520 war das das blutige Highlight des Karnevals, danach war es verboten.

Später hielten die jungen Männer der Sestiere, der sechs Stadtviertel, Wettkämpfe in Boxen und menschliche Pyramiden bauen, sowie Schwertkämpfe und Feuerwerke ab.
1548 war die Attraktion dann der “Engelsflug”, damals noch als “Flug des Türken” bekannt. Dieser Flug wird heute wieder zur Eröffnung des Carnevale abgehalten. Damals balancierte ein Akrobat auf einem Drahtseil vom Campanile quer über den Markusplatz. Heutzutage werden Prominente als Taube verkleidet an ein Seil gehängt und über den Platz gezogen. Meist sind es berühmte Italienerinnen, es war aber auch schon mal etwas klamaukiger der Rapper Coolio aus den USA.
Im 18. Jhdt. wurde der Karneval mit Jongleuren, Künstlern, Magiern, Zwergen und bäuerlichem Theater garniert. 1751 wurden sogar ein Elefant und ein Rhinozeros ausgestellt. Die Szenen kann man heute noch auf den Gemälden Pietro Longhis ansehen. Napoleon eroberte 1797 Venedig und verbot kurz darauf den Carnevale. Ihm war das Treiben (unter den Erwachsenen hinter verschlossenen Türen) zu bunt. Er vermutete politische und unsittliche Intrigen und wollte dem ein Ende setzen.

Heute:

In den 70er Jahren wurde der Carnevale zuerst von Künstlern, später dann auch vom Tourismusverband wiederentdeckt und reanimiert. Die Künstler suchten eine Plattform um sich auszudrücken, der Tourismusverband wollte gerade in den etwas faden Wintermonaten mehr Touristen in die Stadt locken. Die ersten klassischen Maskenmacher erweckten ihr altes Handwerk zu neuem Leben. Theatergruppen und Musiker belebten die Straßen neu. Eine neue Maskengattung entwickelte sich.

Heute stürmen ca. 1,5 Millionen Menschen (1701 waren es etwa 30.000) die Stadt während der zwei Wochen vor Aschermittwoch. Die Besucher kommen aus aller Welt und lassen mit über 80 Millionen Euro die Kassen der Venezianer klingeln.
Deswegen: Immer wieder wird lamentiert, der Karneval zerstöre die Stadt (dieses Lamento ist allerdings so alt wie die Stadt selbst), die Touristen würden die Stadt nur aussaugen und dreckig wieder liegen lassen. Doch mal realistisch betrachtet: bei den Umsätzen werden die venezianischen Kaufleute einen Teufel tun und diese Quelle selbst abgraben.

Hoch-Zeit und Masken:

Das 18. Jhdt. wird als die Hoch-Zeit des alten Carnevale angesehen. Damals war es sehr in Mode traditionelle Kostüme wie die Baut(t)a, den Tricorno - den Dreispitz - und den Tabarro (einen Umhang) auch zu Events des normalen Lebens wie Theater und Soireen zu tragen. Besonders galt das für die zwei Wochen vor dem Aschermittwoch, aber auch von Oktober bis Dezember und von Pfingsten bis Juli. Zu dieser Zeit und auch schon Jahrhunderte früher (im 16. Jhdt. wurden Kostüme und Charaktere aus dem burlesken Theater der Commedia dell’Arte für den Karneval entliehen - man sah Personen verkleidet als Arlecchino, Colombina, Pestdoktor oder Pulcinella umherwandeln) entwickeln sich verschiedene Verkleidungen, die genutzt wurden, um alle Arten von Verwicklungen, politischer und amouröser Art zu vollziehen. In diese waren oft auch kirchliche Vertreter wie Mönche, Priester und Nonnen verwickelt. Die “Moretta” zum Beispiel, eine schwarze oder dunkelbraune runde Damenmaske wurde von einem Mundknopf an der Innenseite gehalten. Dieser war in den Mund zu nehmen und dort zu halten. Was natürlich zum Schweigen verdonnerte. Dies wiederum gefiel den Ehemännern, denn das Flirten wurde nicht leichter, wenn frau schweigen musste. In der Renaissance spielte Mythologie eine große Rolle bei der Gestaltung der Verkleidung. Im 16. Jhdt. waren bizarre Kostüme mit Themen von Planeten und Göttern sehr beliebt. Die weißen Larven-Masken für Damen und Herren entstanden in Anlehnung an die Commedia dell’Arte als diese am französichen Hofe aufgeführt wurde. Daher kommt der etwas elegantere Stil.

Der aktuelle Karneval:

In den letzten Jahren fand man ca. 2000 Kostüme (die es wirklich wert sind, “Kostüm” genannt zu werden und nicht nur Mummenschanz) in den Straßen, die in den zwei Wochen vor Aschermittwoch zur Schau getragen werden.

Ca. 400 Kostümmacher aus aller Welt (mehrheitlich Deutsche, Franzosen und Österreicher) präsentieren ihre Kreationen in einem Wettbewerb auf dem Markusplatz. Viele davon sind Profis aus Bühnen- und Dekobereich, aber auch viele passionierte Amateure sind vertreten. Die “Grande Sfilata” am Sonntag vor Aschermittwoch zeigt die zuvor ausgewählten besten ca. 80 Kostüme auf einem Catwalk, der auf dem Markusplatz aufgebaut wird.
Eine Jury, die meist aus Prominenten (2006 z.B. Vivienne Westwood) und Kostümmachern sowie dem künstlerischen Leiter besteht, wählt aus den vorher in Vorrunden qualifizierten ca. 80 besten Kostümen die Gewinner der “Piu bella Maschera” - der “Schönsten Maske des Carnevale di Venezia” aus. Jeder kann zum Wettbewerb antreten, doch nur die besten kommen in die Show. Für den Wettbewerb gibt es keine klaren Bewertungsmaßstäbe. Jedes Jahr bewertet die Jury andere Aspekte. Mal mehr den einen, mal mehr den anderen. Wer am Ende gewinnt ist auch oft einfach Geschmacks- oder Glückssache. Es sind etwa 100.000 bis 125.000 Zuschauer auf dem Markusplatz anwesend, um die schönen Kreationen zu bestaunen und beklatschen.
Heutzutage sieht man in Venedig sehr unterschiedliche Kostüm-Stile:

 

  • Strikt historische Kostüme. Meist dem 16. bis 19. Jahrhundert nachempfunden. Diese Art von Kostümen kann man auch in einigen Ateliers und Läden mieten (Preise fangen so um die 200 Euro pro Tag an). Die Qualität variiert jedoch stark. Wirklich passionierte Kostümträger stellen ihre Kostüme jedoch selbst her.
  • 70er Jahre Weißmasken. Diese entstanden bei der Neuerweckung des Karnevals in den 70er Jahren nach dem damals sehr beliebten “Pierrot-Style” der Pantomime-Künstler aus Frankreich und den USA. Diese Masken sind fast soetwas wie ein “Markenzeichen” des Venezianischen Karnevals geworden, weil frühe Bildbände aus der Anfangszeit fast ausschließlich diese oft mit viel buntem Tüll und Satin verzierten Gewänder zeigen. Der “gemeine Tourist” erwartet dieses Klischee, denn es ist auf den meisten Postkarten und immernoch in den Büchern zu finden. Diese Art von Kostümen ist auch relativ einfach und mit wenig “Schneiderwissen” zu bauen und man kann sich warm drunter anziehen. Große Mengen von Strass, Perlen und sonstigem Glitzer werden hier verwendet. Manche dieser Kleider haben Themen, andere sind einfach eine träumerische Farb- und Stoffflut. Diese Gewänder kann man in den Läden nicht mieten, sie sind fast zu 100% aus eigener Herstellung
  • Commedia dell'Arte Kostüme. Es sind eher wenige Kostüme, aber wie schon erwähnt eher “venezianisch” als andere. Ihre Form geht auf die Commedia dell’Arte, das bäuerliche Theater aus dem 16. Jhdt., das mit Goldoni, der in Venedig sehr als Stückeschreiber bekannt war, sehr beliebt wurde, zurück. Viele Macher orientieren sich an den in Venedig allgegenwärtigen Figurinen von Maurice Sand (der Sohn der Autorin Georges Sand) aus dem 19. Jhdt.. Man findet sie überall auf Postkarten, Kalendern und Geschenkpapier.  Die Veranstalter versuchen heute wieder mehr Theatergruppen auf die Straße zu bringen, die Stücke nach altem Skript vorführen. Manche Kostümmacher favorisieren die Charaktere oder Masken der Commedia und kombinieren sie mit modernen Kostümen.
  • Themen-Kostüme. Einige Kostümmacher (auch ich) bevorzugen diese Art des Kostüms, bei dem sie ein Thema wählen und interpretieren und oft auch mit modernem Einschlag kreuzen. Meist benutzen wir historische Formen (“Marie Antoinette-Stil” mit Manteau für die Dame und Justeaucorps für den Herren), um dem alten Carnevale, der “Hoch-Zeit” zu huldigen und mit dem Hier und Jetzt zu verbinden.
  • Gothic-und LARP-Kostüme. In den letzten Jahren tauchen immer mehr junge Leute auf, die einen dunklen, eleganten und manchmal etwas spukigen Stil pflegen. Meist sind diese Kostüme und auch die Make-ps sehr aufwändig und detailfreudig gemacht. Diese Role play-people, LARP oder Cosplay-Träger entdecken Venedig als Bühne für sich. Klar, die wundervolle alte und gleichzeitig moderne Atmosphäre passt perfekt zu den Gewandungen. Und es ist eben auch eine Besonderheit des Carnevale di Venezia, dass hier jeder seinen Traum leben kann und so gut wie alle Arten der Verkleidung toleriert werden. Das zeigt sich z. B: auch daran, dass mittlerweile ein Dragqueen-Wettbewerb fester Bestandteil des Programms ist.

Quellenangabe: Die meisten Informationen zu historischen Fakten habe ich in wikipedia und einem Geo History-Heft von 2008 nachgelesen.



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